Vom Stellmacher zum Bäcker

Detlef Wittig (re.) von der Handwerkerinnung übergibt Stellmachermeister Arno Meißner aus Riestedt seinen Diamantenen Meisterbrief.

(BILD: Maik Schumann)
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Arno Meißner ist mit dem Diamantenen Meisterbrief als Stellmacher geehrt worden. Mit 82 Jahren ist er in der Riestedter Werkstatt nur noch selten Gast und verwöhnt stattdessen lieber seine Familie.
Riestedt

So ganz geheuer ist Arno Meißner der Trubel nicht. Gratulanten, Blumen, Hände schütteln hier und da - zögerlich nimmt er die Glückwünsche zu seinem 60-jährigen Meisterbestehen an. Und als ihm der Obermeister der Tischlerinnung, Detlef Wittig, dann noch den Diamantenen Meisterbrief überreicht, wird Meißner ganz verlegen. „Ach herrje, so viel Aufmerksamkeit. Ich steh ja sonst eigentlich nicht so in der Öffentlichkeit oder im Mittelpunkt, finde ich auch besser so“, scherzt Meißner. Doch da muss der 82-Jährige jetzt durch, findet sein Enkel Christian Höroldt. „Ist ja schon was besonderes so ein Jubiläum. Das erlebt nicht jeder.“

Ausbildung im Jahr 1948

Als dann die Förmlichkeiten ausgetauscht sind, wird auch Arno Meißner wieder entspannter. Vielleicht war es auch der Schluck Sekt zum Anstoßen auf sein Jubiläum. Zumindest beginnt er nun ausgiebig mit seinen Gästen über sein Leben als Stellmacher zu plaudern. Die Lehre dazu begann der ehemalige Zscherbener (Saalekreis) 1948 auf dem Hof seines Onkels. Denn in der Landwirtschaft arbeiten, wie seine Eltern es taten, wollte er eigentlich nie. „Ich habe zwar anfangs bei ihnen noch mitgemacht und hier und da was rumrepariert. Aber eigentlich wollte ich Stellenmacher werden.“

Aussterbender Beruf

Der Beruf des Stellmachers bezeichnet Handwerker, die Räder, Wagen und andere Landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellen.

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn im späten 19. Jahrhunderts waren die Fertigkeiten der Stellmacher als Waggonbauer begehrt. Aber auch im Bereich der Karosseriefertigung in der Autoherstellung waren die Kenntnisse der Stellmacher gefragt. Doch durch die Einführung der industrieller Fließbandfertigung sank die Bedeutung der Stellmacherei.

Heute gehört der Beruf des Stellmachers zu den aussterbenden. In einzelnen handwerklich ausgerichteten Betrieben führt er mittlerweile nur noch ein Nischendasein.

Besonders im landwirtschaftlichen Umfeld war der Stellmacher in der DDR noch ein üblicher Beruf. Zu dieser Zeit gab es in fast jedem Ort einen Stellmacher.  

Gesagt, getan: Sieben Jahre blieb er auf dem Hof des Onkels. 1955 machte er seinen Meister, und von seinem Meisterstück schwärmt er noch heute. „Das war ein Pferdewagen. Den habe ich für meine Eltern gemacht. Leider gibt es den heute nicht mehr. Aber das war ein tolles Ding.“

Ehefrau war die beste Mitarbeiterin

Irgendwann zog es ihn aber vom Hof des Onkels weg, und in Riestedt suchte man einen Stellenmacher. Kurzerhand zog Meißner also mit seiner Frau Brigitte und der kleinen Tochter Regina nach Riestedt, pachtete in der Mansfelder Straße ein Haus und begann, seinen eigenen Betrieb aufzubauen. „Wir waren damals zu zweit, meine Frau und ich. Aber sie war definitiv meine beste Mitarbeiterin, die ich je hatte“, stellt Meißner zufrieden fest.

Viele Aufträge nach der Wende

Zu Spitzenzeiten arbeiteten 14 Angestellte in der Tischlerei Meißner. „Das war kurz nach der Wende. Wir hatten viele Aufträge. Und von den Firmen aus dem Westen wollten wir uns nicht beliefern lassen. Wir haben uns gesagt, was wir selber machen können, machen wir auch selbst.“ Mittlerweile arbeiten nur noch vier Mann in dem Betrieb, den Enkel Christian Höroldt in dritter Generation weiterführt.

Und der „Altmeister“ Meißner selbst? Ist in der Werkstatt nur noch ein seltener Gast. „Bin ja auch nicht mehr so jung. Wenn dann mach ich höchstens noch Feuerholz für die Heizung oder bastle an Kleinigkeiten im Haus rum.“ Aber eigentlich kümmert er sich viel lieber um seine Tomatenpflanzen und versorgt die gesamte Familie ständig mit selbst gebackenem Kuchen, verrät Tochter Regina. Von dem neuen „Handwerk“ des Stellmachermeisters können sich dann auch alle Gratulanten zum Jubiläum überzeugen. Denn Meißner reicht den Gästen mit Stolz den Kuchen. Und steht mit seiner Backkunst ungewollt gleich wieder im Mittelpunkt. (mz)